Kritik von Ekkehard Ochs, „Orchestergraben“ (6. Februar 2026)
Libnow: Quatuor Blanc und neue Klangbilder
… So auch kürzlich mit dem QUATUOR BLANC. Es versteht sich als Tango-Quartett-Besetzung, ist in Hamburg beheimatet und mit „Chef“ Hans-Christian Jaenicke (Violine), dem Serben Goran Lazarevic (Akkordeon), der Georgierin Salome Jijeishvili (Klavier) und dem Österreicher Julian Eingang (Kontrabaß) wahrlich neugierig machend besetzt. Zumal das Ensemble mit einem Programm gastierte, das sehr ambitioniert genannt werden darf; nämlich Antonin Dvořáks Serenade E-Dur für Streichorchester op 22 und Hans-Christian Jaenickes Tango Violin Concerto, im Original für Solo-Violine, Streicher, Flöte, Oboe und Klavier von 2018. Beide Werke also in nunmehr denkbar kleiner und zudem ungewöhnlicher Besetzung. Solcherart „Verdichtung“ verträgt nicht jedes Werk, nicht jede Instrumentation. Jaenicke hat es mit oben erwähnter Serenade Dvořáks dennoch gewagt und das Publikum im ausverkauften Konzertsaal zunächst verbal mit seiner offensichtlichen Begeisterung für den großen Böhmen beeindruckt. Diese Version – mit 36 Minuten Länge umfasste sie die komplette Serenade – ist ein Angebot, dass Aufmerksamkeit verdient, das es individuell zu betrachten und zu werten gilt; Richtung offen! Sicher hat die bewegungshaft agile, mit raumgreifender Bühnenpräsenz des Geigers einhergehende Interpretation dazu beigetragen, dem Werk und seinen Interpreten beifallsfreudig zu danken.
Das galt gleichfalls für Jaenickes Violinkonzert. 2018 geschrieben – Besetzung siehe oben – wurde die „extrem verdichtete“ Adaption 2024 in der Hamburger Laeiszhalle vom Quatuor Blanc erfolgreich uraufgeführt. Die das Werk lobenden Worte von Daniel Hope und Anderen dürften sich auf die Originalfassung beziehen und konnten deshalb für die Libnower Aufführung zunächst nur sachlich zur Kenntnis genommen werden. Eine Bestätigung des dortigen Eindrucks aber war das schon! Denn was der hier wieder ungehemmt rasant agierender, geradezu „teuflisch“ geigende Jaenicke und seine ebenfalls nicht minder aktiv musizierenden Partner boten, war schlichtweg mitreißend. Vor allem galt das natürlich der gut halbstündigen Komposition selbst, für deren musikalische Sprache und Stilistik so schnell kein eindeutiger Begriff zu finden ist. Jaenicke mischt Traditionelles mit Modernem, berührt schon mal Extreme, bemüht Klassisches, Banales, ja „Kitsch“ – so er selbst – und frönt fleißg tanzhaften Zügen (Tango). Er „singt“, vergräbt sich in ausschweifende Kantilenen, präsentiert halsbrecherische Tonfolgen und Doppelgriffe. Er scheut kein Kratzen hinter dem Steg, parliert mit Glissandi, um plötzlich bei barocker Polyphonie zu landen, gibt sich verspielt, aggressiv, brutal oder süffisant, nicht selten pathetisch, wohl auch ironisch und oft skurril. Bemerkenswert: der Gesamteindruck überzeugt!
Bevor die vier Musiker losstürmten, verlas Jaenicke übrigens so etwas wie ein Programm, zumindest dessen (schon umfänglichen) Anfang. Der ließ darauf schließen, dass so ziemlich alles, was da erklang, nämlich Töne, Motive, Themen, die verschiedenen Instrumente etc. „personalisiert“ gedacht waren, also Charaktere und quasi „Handlungen“ darstellten. Was – wenn diese Sichtweise so stimmt – eine zutreffende Begründung für die beeindruckende Vielgestaltigkeit und Plastizität des Stückes wäre; auch für die Energie und Stringenz eines Musizierstils, der den Begriff „konzertant“ nicht nur formal – es sind übrigens vier Sätze – in hohem Maße verdient. Da brannte schon mal die Luft, denn nach so viel Dvořákscher Lyrik geriet Jaenickes Opus zum unerwartet mitreißenden Sturm. Schönes Zeichen für ein Werk, das als so radikale wie passende Adaption nun auch den Wunsch nach dem Original lebendig werden lässt!